mit freundlicher Genehmigung des Tierpark Hagenbeck

Tierfotografie als Konsum

das Beitragsbild wird genutzt mit freundlicher Genehmigung des Tierpark Hagenbeck.

Welche Rolle spielen Tierfotografen in der ethischen Betrachtung von Zoos und kann man ihnen die Rolle von Konsumenten von Gütern, deren Produzenten die Zoos sind zuschreiben?

Der Versuch, Tierfotografen als Konsumenten zu betrachten ist interessant, weil es damit möglich ist, bestimmte Bewertungen ihrer Handlungen und Relationen zwischen Ihnen, den Zoos und der Gesetzeslage auszumachen, die andernfalls vielleicht verborgen blieben.
Konsum ist normalerweise über Verbrauch definiert. Das Gut, welches dem Konsumenten angeboten wird, wird nach dieser Definition also vermindert. Bei einem Brot ist diese Definition einfach zu bestätigen. Es wird gebacken, verkauft und gegessen. Nach diesen Handlungen ist das Gut aufgebraucht. Kühlschränke werden in anderen Zeiträumen verbraucht und müssen erst nach Jahren ersetzt werden. Ein anderer Konsum liegt zum Beispiel bei CDs und Blu-rays vor. Das Gut, also z.B. der Film oder das Musikstück werden nicht in einem herkömmlichen Sinne verbraucht, oder degradiert. Sie liegen theoretisch unendlich verfügbar vor. Allerdings werden auch diese bezahlt. Der Konsum bezieht sich hier vor allem auf die Tatsache, dass es ein Verhältnis zwischen den Produzenten (Künstler, Plattenlabel, Anbieter) und dem Verbraucher gibt, welches über eine finanzielle Transaktion in einem Marktplatz abläuft. In solchen Fällen wird von einer Dienstleistung gesprochen. Jeder Konsum von Gütern entsteht also über ein Gefälle bei dem die Konsumenten über den Geldtransfer die Möglichkeit für die Produzenten schaffen, die verkauften Güter nachträglich zu finanzieren und über einen Aufpreis auch neue Güter zu schaffen.
Aus ethischer Sicht sind sowohl Produzenten, wie auch Konsumenten für ihr Verhalten verantwortlich. Auf ökologischer Ebene ist es sinnvoller, regional angebautes, saisonales Gemüse zu kaufen, als eingeflogene Ware. Auf verantwortungsethischer Sicht ist es problematisch, Waffen an Regimes zu verkaufen, die die Menschrechte missachten.  In diesen beiden Fällen wären sowohl Produzenten, wie auch Konsumenten in der Lage, aber oftmals nicht willens, Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen und ihr Verhalten zu ändern.
Der Zoo bietet auf dem ihn eigenen Marktplatz, also dem Gelände und Gehegen ein Gut als Dienstleistung an, die den Tierfotografen interessiert. Das Gut ist die Möglichkeit ein Tier als photo opportunity zu nutzen. Für viele Zoofotografen erscheint dies als ein freies Gut, ähnlich der Möglichkeit einen Baum in einem öffentlichen Park zu fotografieren, was hier allerdings nur scheinbar der Fall ist. Das Gut wird über den Eintritt in den Zoo bezahlt. Die Fotografie, die anschließende Bearbeitung und das Onlinestellen, bzw. der Fotoabzug stellen hier wesentliche Anteile des Konsums dar. Darauf folgt in der Betrachtung der fertigen Bilder ein zweiter Konsum, der als das Ziel des ersten beschrieben werden kann. Im Grunde folgt hier der Konsum der Linie eines online Video- oder Musikanbieters. Der Konsument zahlt entweder eine einmalige Gebühr in Form einer Tageskarte oder schließt ein Abo ab.

Anders als bei einem Streamingdienst verändert sich das Gut allerdings im Laufe der Zeit und wird durch die Struktur des Marktplatzes verändert. Die Tiere altern auf natürlichem Wege, wobei die Struktur des Geheges, der Pflege und das Maß an Störung durch das Publikum ihre Spuren hinterlassen. Während ein neugeborenes Jungtier das Gehege als natürlichen Lebensraum versteht und erforscht, ist ein älteres Tier nach Jahren in einem konkreten Gehege möglicherweise so geschädigt, dass es Stereotypien oder andere atypische Verhaltensweisen zeigt.
Im Muster des Konsums in einem Zoo führen solche Schädigungen aber nicht zu einer Änderung des Verhaltens von Produzenten und Konsumenten. Die Gehege können nicht kontinuierlich an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden. Sie können auch nicht beliebig erweitert werden. Die Tiere können auch nicht selbständig auf neue Gehege ausweichen. Ebenso kommen die Besucher im Idealfall für den Zoo regelmäßig und in großer Zahl und verfestigen über ihre Anwesenheit, Lautstärke, Geruch etc. noch die Probleme für die Tiere. Es findet hier, trotz der Konsumstruktur einer Dienstleistung also doch ein Verbrauch des intendierten Gutes statt. Dem Tier wird es mit fortschreitender Zeit potenziell schlechter gehen. Anders als der Kühlschrank allerdings sind Tiere empfindungsfähige Lebewesen.
Neben der Funktion von Zoos im Artenschutz zeigen sich hier Strukturen, die so wohl nur bei unfreier Arbeit wiederzufinden sind. Hier muss beachtet werden, dass verschiedene Zoobetreiber sehr unterschiedlich ihren Zugang zu den Tieren für Besucher und Fotografen regeln und sehr unterschiedlich auf artgemäße Haltung eingehen. Hier kommt hinzu, dass in jedem Land der Welt unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen herrschen.
Im Grundsatz zum deutschen Tierschutzgesetzes heißt es: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“
Aus <https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html>

Nimmt man an, dass Zootiere als Gut einem Verbrauch unterliegen, der unter natürlichen Gesichtspunkten so nicht zustande käme, dann wäre sicherlich mindestens für viele Wirbeltiere mit besonderen Anforderungen an ihrem Lebensraum (die im Zoo nicht respektiert werden können) eine Haltung zu untersagen. Nimmt man an, dass ein solcher Verbrauch vorliegt aber geduldet wird, wären sowohl Produzenten, als auch Konsumenten in der Pflicht darzustellen, welches anderes höherwertiges Ziel der Haltung vorliegt, das diese trotz des Verbrauchs rechtfertigt.
Neben solchen Annahmen sollten sowohl Produzenten, wie Konsumenten, ihr Verhalten als Wahl oder Entscheidung betrachten. Die Wahl des Zoos, in den ein Fotograf eintritt, die Wahl der Bilder die er dort macht, die Wahl der Tiere, die überhaupt fotografiert und damit besucht werden und die Wahl, in welcher Form und in welchem Kontext er oder sie die Bilder präsentiert gehören in den Verantwortungsbereich des Fotografen. Diese Entscheidungen geben (im Mindestfalle über den Eintrittspreis) Feedback an die Produzenten und können so – ähnlich wie bei Kaufentscheidungen im Supermarkt – eine Verhaltensänderung bewirken.
Wenn man für sich erkennt, dass  der Besuch des Zoos ein Konsumverhalten darstellt, welches problematisch ist, so sollte dies selbst im einfachsten Fall zu einer Reflektion über das eigene Verhalten führen.
Hier ergeben sich über die Betrachtung der Zoofotografie als Konsum unter einem tierschutzrechtlichen Aspekt ähnliche Resultate, wie bei der Betrachtung des Konsums von Nahrungsmitteln unter dem Aspekt des ökologischen Fußabdrucks oder dem Kauf von Kleidung unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. In den letzten beiden Fällen sollte mindestens gelten, dass weniger Konsum besser ist und das dieser Konsum einem Qualitätsaspekt unterliegen sollte.

Eine Maximalforderung könnte der Schutz der natürlichen Lebensräume der Tiere und das Unterlassen des nicht lebensnotwendigen Konsums in Zoos sein.
Unsere aktuelle Gesellschaft unterliegt allerdings nur sehr locker einer Maxime zur Nachhaltigkeit des Handelns. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist zwar vertreten in Parteiprogrammen und Bildungsplänen, hat aber noch keine pragmatische Kraft entwickelt, sehr weite Teile der Gesellschaft zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, oder sehr problematisches Individualverhalten über gut geplante Alternativen zu ersetzen. So ist es bislang nur in wenigen deutschen Städten tatsächlich einfach und für große Teile der Bevölkerung sinnvoll vom eigenen Auto auf andere öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.
In dieser Lage liegt der Ball auf den Spielfeldern der Produzenten, Konsumenten und sicherlich der Politik. Alle Teilnehmer am Marktplatz müssen entscheiden, welches  Verhalten gegenüber den unfreien Tieren vertretbar ist und welche Verhaltensweisen für die Zukunft überdacht werden müssen. Diese Entscheidungen sollten in die breitere Gesellschaft als Diskussion getragen werden.